Virtueller Austellungsrundgang


Wegen der Maßnahmen gegen die Weiterverbreitung des Corona-Virus mussten wir die Ausstellung "Die Höhle" von Christin Wilcken leider schließen. Um allen, die noch keine Gelegenheit hatten die Ausstellung zu besichtigen, einen Blick auf die Bilder zu eröffnen, haben wir analog zur Eröffnungsrede von Frau Dr. Christina May eine Auswahl erstellt.

.

aus der Serie Die Höhle, 2019, Graphit auf Papier, 29,7 x 21 cm

aus der Serie Die Höhle, 2019, Grafit auf Papier, 29,7 x 21 cm

aus der Serie Die Höhle, 2019, Grafit auf Papier, 39,7 x 29,7 cm

aus der Serie Die Höhle, 2019, Grafit auf Papier, 39,7 x 29,7 cm

aus der Serie Die Höhle, 2019, Grafit auf Papier, 39,7 x 29,7 cm

aus der Serie Die Höhle, 2019, Grafit auf Papier, 39,7 x 29,7 cm

aus der Serie Höhlenöffnung, 2019, Grafit auf Millimeterpapier 29,7 x 42 cm

aus der Serie Höhlenöffnung, 2019, Grafit auf Millimeterpapier 29,7 x 42 cm

aus der Serie Tor, 2019, Grafit auf grauem Bütten Ingres, 48,5 x 63,5 cm

aus der Serie Tor, 2019, Grafit auf grauem Bütten Ingres, 48,5 x 63,5 cm

aus der Serie Oval, 2019, Grafit auf Papier, je 21 x 29,7 cm

aus der Serie Oval, 2019, Grafit auf Papier, 29,7 x 39,7 cm

Schemen 4, 2019, Tusche, Grafit auf Mezzotinto-Radierung, 34,7 x 24,5 cm

Schemen 6, 2019, Tusche, Grafit auf Mezzotinto-Radierung, 34,7 x 24,5 cm

Installation Wasserbecken

Installation Wasserbecken

Die Künstlerin hat die Ausstellung für den Ausstellungsraum konzipiert, was bei Rauminstallationen durchaus üblich ist, bei kleinformatigen Zeichnungen aber doch eher ungewöhnlich. Die Architektur, das Gewölbe, tritt nun mit den Zeichnungen in einen Dialog. Doch auch wenn sich Verwandtschaften zu den Höhlen-Wölbungen zeigen: In der Architekturtheorie gibt es eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen dem (selbst) gebauten Haus als planvoll konstruiertem Gebäude und der entdeckten Architektur, der Höhle. Bereits bei dem antiken Architekturtheoretiker Vitruv oder auch bei Herodot werden die Höhlenbewohner als wild und unzivilisierte Nomaden beschrieben.

...

Die Höhle ist also ein Ort in dem das Sehen abhandenkommt, zumindest das Sehen nach außen als das rational in die Welt gerichtete Sehen. Das innere Sehen hingegen wird von der Höhle befördert, wie beispielsweise das Orakel in der Grotte von Delphi beweist.

...

Für diese Ausstellung ist besonders wichtig, dass es einerseits die Verknüpfung der Höhle mit dem Mystischen und Irrationalen gibt, die in allen europäischen Mythologien existiert. Andererseits wird die naturwissenschaftliche Erforschung der Höhlen thematisiert, also im Grunde der Versuch, Erkenntnisse über diese irrationalen, geheimen Orte zu gewinnen und ihre Schätze zu entdecken.

...

Zu den Arbeiten

Die Höhle

Die Ergebnisse der Höhlenforschung sehen wir hier auf den Pulten liegen: Serien von Zeichnungen, präsentiert im Charakter einer wissenschaftlichen Sammlung. Mit den Serien wird Wissen mitgeteilt und produziert. Jedoch stellt sich die Frage, worüber dieses Wissen handelt. Zu sehen sind: wabernde Schatten an der Höhlenwand, Fundstücke, Splitter, Kristalle, unbekannte Artefakte, gespenstische Verlebendigungen der Dunkelheit, dynamische Strukturen, die von den Prozessen des Wachstums zeugen. Das genaue Interesse, die Forschungshypothese, die zur Auswahl genau dieses Fragments geführt hat, bleibt den Betrachter*innen verborgen. Vielleicht werden die Ausschnitte auch durch die besonderen Sichtbedingungen in der Höhle bestimmt. Im Schein der Fackel oder der flackernden Lampe formt sich ein besonderer Schatten, tritt ein Element hervor, verwandelt und bewegt sich.

Das Papier der Zeichnungen ist bereits vergilbt und besitzt eine Geschichte, deutet auf diese hin. Hier wird die Subjektivität der Forschung angedeutet. Im Objektkasten wird die Aufzeichnung selbst zu einem historischen Objekt und verliert damit ihren Status als zeitloses, objektives Dokument. Die Aufzeichnungen sind nur in einem bestimmten Kontext und aus einer bestimmten Perspektive wahr. Besonders die Höhlenforschung ist von Finten und Täuschungen durchzogen. Denn wer eine Höhle fand, machte daraus häufig ein Geheimnis, damit Nicht-Eingeweihte dem Entdecker nicht zuvorkamen.

Mit der künstlerischen Inszenierung wird die Frage nach der Forschung aufgeworfen. Die Beobachtungen im Höhleninneren sind auch ein ästhetischer Betrachtungsvorgang und kein rein naturwissenschaftlicher. Insbesondere zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurde noch eine sehr blumige Sprache für die Entdeckungen in den Höhlen verwendet. Und genauso sind die Zeichnungen Wilckens keine unmittelbaren Abbildungen der physischen Umwelt. Es handelt sich um Übersetzungen in den Prozess der Zeichnung: Die Linien ergeben Formen, sie werden immer wieder nachgezogen, überlagern sich und wachsen aus sich heraus wie ein Tropfstein. Schließlich bilden sie etwas anderes, etwas Neues, das noch einer Einordnung bedarf. Auf einigen Blättern entstehen somit Chimären. Sie befinden sich im Übergang von Lebendigem und Unbelebtem.
Die Sinterungsprozesse folgen dem Prinzip, dass Wasser verdunstet und Kalk zurückbleibt. Ähnlich wie Baumringe bilden die Stalaktiten und Stalagmiten Wachstumsstreifen. Wobei es sich in den Zeichnungen aber handelt, ist auch den Sichtweisen der Betrachter*innen überlassen. Das objektiv-Dokumentarische der Pulte erweckt den Anschein, dass es sich hier um Fundobjekte aus der Höhle handelt. Was genau zu finden ist, wird aber nicht benannt.

...

Mikrokosmos / Makrokosmos

Leonardo da Vinci setzt die Höhle mit einem Körper gleich. Wasser ist dabei das wichtigste Element. Wie Blut durch den menschlichen Körper fließt bahnt sich das Wasser seine Wege durch das Gestein. Der Mikrokosmos des Körpers spiegelt sich im Makrokosmos der Erde. Dies ist auch in Christin Wilckens Zeichnungen zu erkennen. Die Dimensionen sind nicht genau auszumachen, auch wenn bei einigen Zeichnungen das Millimeterpapier scheinbar Hinweise auf die Größe der gezeichneten Objekte gibt, die mikroskopisch klein oder kosmologisch groß sein könnten. Tropfsteine werden in diesen Theorien als wachsende Wesen interpretiert, das Gestein mit Organischem gleichgesetzt und auch in der Alchemie wird die Berghöhle zur Gebärmutter der Metalle.

Grafit

Das besondere an Christin Wilckens Arbeitsweise ist, dass ihr Zeichenmaterial, ihre Zeichentechnik und die Motive miteinander korrespondieren: Auch hier tritt der Wechsel von den alltäglichen Wahrnehmungssituationen des menschlichen Auges in den Mikrokosmos auf. Das Material der Zeichnungen ist meist Bleistift, also Grafit. Grafit ist Kohlenstoff der in Bergwerken gefördert wird, es gibt daher Grafitstollen Höhlen, wenn man so will. Die Zeichnung mit Grafit funktioniert so, dass immer kleinste Blättchen des Grafits auf dem Papier haften bleiben. Wenn Sie sich nun mikroskopische Aufnahmen von Grafit anschauen, sind kristalline Strukturen erkennbar mit verschiedenen Überlagerungen, die ganz ähnlich den Strukturen der Zeichnungen sind. Mit Grafit lässt Wilcken auf dem Papier Gesteinsschichten entstehen, die übereinander lagern oder miteinander verschränkt sind. Der Prozess der Zeichnung, das Nebeneinandersetzen von Linien, formt Schichten, wie die Schichtungen von Gesteinen oder – im Kleineren – die Schichtungen von Kristallen heraus. Gesteigert wird dieses zweidimensionale Nebeneinander der Striche schließlich mit dem Schritt in die Dreidimensionalität: übereinandergesetzte Linien ergeben Schichtungen aus Grafit, andere Materialien wie Tusche treten hinzu, bis aus der zweidimensionalen Zeichnung schließlich ein Relief wird. Die Zeichnung ist damit nicht mehr nur die Abbildung einer Struktur, sondern wird selbst, ganz materiell zu einer Schichtung von Stoffen, in diesem Fall dem Mineral Grafit.

Hier gehen die Zeichnungen sowohl vom Motiv als auch von ihrer Form her auf das Material selbst ein aus dem sie hergestellt sind. Das Thema ist also äußerst vielschichtig: Meist geht es um das Motiv, in das sich die Betrachterinnen vertiefen können. Darüber hinaus geht es aber immer auch um das Zeichnen und die Betrachtungen der Zeichnung.

 ...

Tor

Entsprechend ist die Höhle, so der Literaturwissenschaftler Max Lüthi „formlos, ohne scharf fassbaren Umriss, in das tiefe der Erde führend, ins Dunkle, ins Unbestimmte.“ Die Höhle ist eine Schwelle, die Grenze zum Unbewussten.

...

Oval

Auch wenn es sich im Grunde um Landschaftsmalerei handelt, steht die Höhle als Raum jenseits menschlicher Maßstäbe der konventionellen Auffassung vom Landschaftsbild entgegen.

...

Schemen

Es handelt sich um Landschaft in dem Sinne, dass die Landschaft immer durch einen Betrachter oder eine Betrachterin gerahmt wird. Landschaft ist dabei der subjektiv empfundene Raum, der nicht nur rein visuell ist, sondern auch Synästhetisches vermittelt. Was wir in der Höhle nicht sehen können, rückt vielleicht als eine Verbindung von dem speziellen Geruch, von unheimlichen Geräuschen wie Wassertropfen die im ungewissen verhallen, ein Luftzug auf der Haut. Die Sinne werden im Höhlenraum aktiviert und in der Dunkelheit sind wir plötzlich aufmerksam für Eindrücke/Sensationen jenseits der alltäglichen Wahrnehmung. Als synästhetischer Eindruck können sich die Sinne verbinden und diese unbekannte Atmosphäre die Gänsehaut im Nacken hervorrufen, das bedrückende Gefühl, das etwas im Raum ist, was wir nicht sehen können.

Die „Reisen ins Unterirdische“ waren auch für Maler beziehungsweise für die ästhetische Wahrnehmung besonders förderlich. Die Dunkelheit verleihe den Höhlenbesuchern eine besondere Sensibilität. Hierüber gelingt eine besondere Wahrnehmung des Schwarzes in seinen Abstufungen. Zu dieser Rezeptionsweise passt ein berühmtes Zitat von Caspar David Friedrich:

„Schließe Dein leibliches Auge, damit Du mit dem geistigen Auge zuerst siehest dein Bild. Dann fördere zutage, was du im Dunkeln gesehen, dass es zurückwirke auf andere von außen und innen.“ (Caspar David Friedrich)

 

Wasserbecken

Die irreguläre Form fließt zwischen zwei Pfeilern, die Besucher*innen können um sie herum gehen, schauen wie die Lichtreflexe widerspiegeln und auch sich selbst in dem Becken wie auf einer glatten Wasserfläche betrachten.  Nicht nur die Oberfläche spiegelt, sondern auch die Form selbst ist achsensymmetrisch gespiegelt, auch wenn eine leichte Verschiebung stattgefunden hat.

Es sind Eindrücke, wie sie auch bei den Höhlenentdeckern beschrieben werden, das mystisch geheimnisvolle, der unterirdische See, der Licht reflektiert. Die Spiegelungen zeigen hier im Ausstellungsraum, wie das Licht Elemente des Gewölbes hervorhebt, so wie die Zeichnungen auf den Pulten Ausschnitte im Licht- oder Fackelschein wiedergeben. Die Irreguläre Form kann nicht nur Wasserfläche sein, sondern auch wieder auf Mikro- und Makrokosmos hindeuten, sie scheint etwas Lebendiges zu besitzen. Das Wasser, das Leonardo da Vinci mit den Lebensadern der Erde gleichsetzte, wird als Motiv aufgerufen. Durch die Spiegelung scheint es bewegt, wie in einem Wachstumsprozess. Damit scheint diese geologische Formation mit etwas Lebendigem verbunden zu sein.

Letztendlich, und darauf deutet der Spiegel, werden hier die Betrachter*innen auf sich selbst und ihre Innensicht zurückgeworfen.

  

Werkabbildungen: Thomas Häntzschel/nordlicht 
Alle Abbildungen: © VG Bild-Kunst, Bonn 2020

 

Und hier gibt es den Rundgang auch als pdf-Datei